Unser Draht ins Flüchtlingslager Samos (Teil 1)

von Dez 8, 2020

Daniel Soltek arbeitet als Gemüsegärtner in der Solidarischen Landwirtschaft Vauß-Hof e.G. und hat sich im Oktober mit einem Auto und einem Anhänger voller Kleiderspenden auf den Weg nach Griechenland gemacht. Er wird den Winter auf Samos verbringen, um dort in einem der griechischen Flüchtlingslager zu unterstützen.

Daniel schreibt einen ersten Zwischenbericht, nach einem Monat in Griechenland: 

“Endlich, nach einem ereignisreichen Monat unterwegs, bin ich gerade auf der Fähre von Athen nach Samos und finde, es ist Zeit für einen ersten Zwischenbericht.

Nachdem ich ohne Probleme durch die Schweiz und über die italienische Grenze gekommen bin, war mein erster Stop Mailand. Dort habe ich für eine NGO in Patras 100 paar Schuhe, die eine Firma gespendet hatte, abgeholt. Das hat super geklappt und ich bin von den Menschen dort, die mich ja eigentlich gar nicht kannten, super herzlich aufgenommen und sogar in einer kleinen Wohnung untergebracht worden. Die Schuhe haben dann am nächsten Tag gerade noch so alle ins Auto gepasst und dann gings direkt weiter nach Ancona, zur Griechenland-Fähre.

In Mailand bin ich, ohne es dort richtig realisiert zu haben, dem Lockdown mit Ausgangssperre gerade noch um einen Tag davongefahren… auf der Fähre von Ancona nach Patras kam dann die Hiobsbotschaft: ab Samstag strenger Lockdown, das Haus darf nur noch mit Genehmigung verlassen werden und Ausgangssperre ab 21 Uhr. Und das Schlimmste: die Fähren durften nur noch Menschen mit permanentem Wohnsitz auf den Inseln befördern.

Mein Plan, mittags schnell in Patras die Spenden, die ich für die NGO NoNameKitchen dabei hatte, abzugeben, abends direkt weiterzufahren um Samstag morgen die letztmögliche Fähre nach Samos zu erreichen ist dann leider nicht aufgegangen, weil diese Fähre bereits restlos ausverkauft war und für die nächste am Montag war es tatsächlich bereits unmöglich für mich Tickets zu bekommen.

Also bin ich völlig übermüdet umgedreht und zurück nach Patras gefahren. Da ich auf keinem Fall im Lockdown und ohne Jemanden zu kennen, in Athen festsitzen wollte.

Es hat dann auch irgendwie geklappt, aber wie ich an dem Tag ohne Strafe zahlen zu müssen durch die acht Polizeikontrollen gekommen bin, kann ich mir selbst nicht erklären. So viel diskutiert, wie an dem Tag hatte ich schon lange nicht mehr. Die Griechen haben den Lockdown, zumindest am Anfang sehr ernst genommen! Es war schon ein komisches Gefühl, 250 km über eine fast leere Autobahn zu fahren, ständig unter riesigen Hinweistafeln auf denen “ Country Lockdown! Travelling only with permission!” steht und dann den vielen Polizeikontrollen.

Am Ende haben mich hier wohl Anjas tolles Reisedokument und meine, von Indien geprägte Ausdauer beim Diskutieren mit der Obrigkeit, vor einer richtig deftigen Geldstrafe bewahrt.

Die Fahrt zurück nach Patras hat sich dann auch als die absolut richtige Entscheidung herausgestellt, die sechs Freiwilligen von der NoNameKitchen haben mich gerne wieder willkommen geheissen. Und das, obwohl es in dem winzigen Haus der NGO eh schon schrecklich eng war, auf einen mehr oder weniger kam es da dann wohl auch nicht mehr an.

Und so wurde ich dann einen knappen Monat inoffizielles Mitglied in diesem tollen Team, das sich aus Leuten aus Spanien, Belgien, Italien und Deutschland zusammengefunden hat!

Die NoNameKitchen (der Name muss wohl entstanden sein, als sie am Anfang tatsächlich noch für die Geflüchteten auf der Balkanroute gekocht haben) kümmert sich in Patras um die ca 200 Menschen, vor allem aus Afghanistan, die hier illegal auf heruntergekommen Fabrikgeländen leben. Die Geflüchteten befinden sich in einer Art “Zwischenstation” auf dem Weg nach Nordeuropa. Die Situation ist eine komplett andere als in den Lagern auf Lesbos oder Samos, wo viele Familien mit Kindern zum Teil seit vielen Monaten in Elend und Unsicherheit in menschenunwürdigen Lagern einfach nur warten.

Die Jungs hier nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand und sie verdienen meinen grössten Respekt dafür. Irgendwie haben sie sich hierhin, nach Nordgriechenland, durchgeschlagen und versuchen von hier weiter nach Italien und von dort in den reichen Norden zu kommen.

Ihre anderen Optionen wären in Griechenland Asyl zu beantragen. Das wäre, wenn das alle machen würden, eine Katastrophe sowohl für das Land, das sich ja eh schon in einer schweren Finanzkrise befindet., als auch für die meisten Menschen auf der Flucht, da es hier kaum Arbeit gibt und ein kaum funktionierendes Sozialsystem, sodass sich viele obdachlos und wiedermal schutzlos auf Athens Strassen wiederfinden.

Und zweitens über die Balkanroute, wo sie exzessive Polizeigewalt, rechte “Bürgerwehren”, diverse schwerbewachte Grenzen und,  zumindest jetzt im Winter, eisige Kälte erwartet.

Was nicht heisst, das die Situation hier viel komfortabler wäre…hier passiert vor jeder neuen Abfahrt einer Fähre nach Italien etwas ,das alle nur zynisch The Game nennen. Dabei versuchen die Geflüchteten Polizei, Hafensecurity und Fahrer auszutricksen und sich heimlich auf /unter einem der LKWs zu verstecken und so auf die Fähren zu gelangen. Die Chancen sind gering, meistens werden sie erwischt und verjagt, nur um es danach direkt wieder zu probieren. Was anfangs wie ein fast schon komisches Katz-und Mausspiel aussieht ,stellt sich schnell als riskant und lebensgefährlich heraus. Es gibt immer wieder teils schwere Verletzungen, direkt durch Gewalt der Polizei, die in Griechenland nicht gerade dafür bekannt ist ziemperlich zu sein, und LKW Fahrern oder wenn sie auf der Flucht an einem der hohen Zäune hängenbleiben oder beim hektischen überqueren der vielbefahren 6 spurigen Strasse zwischen Hafen und “sicherem” Fabrikgelände.

Gerade vor ein paar Tagen sind zwei Menschen, die es schon auf die Fähre geschafft hatten, geschnappt worden und sassen daraufhin für vier Tage ohne Nahrung und Zugang zu Toiletten in einer komplett überfüllten Gefängniszelle….mitten in Europa, verdammt!

Deshalb gehören zum NoNameKitchen Team auch immer jemand mit medizinischer Ausbildung und ein sogenannter “violence reporter”, der/die diese Gewalttaten dokumentiert.

Ansonsten versuchen sie die Menschen auf der Flucht so gut es geht mit Nahrungsmittel zu versorgen und stellen auf den Fabrikgeländen Kochgelegenheiten zur Verfügung. Auch sonst wird meistens eher versucht Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, zum Beispiel wenn jetzt zum Winter hin ansteht ,die kaputten Fenster abzudichten. Und natürlich werden gerade haufenweise dicke Decken, Schlafsäcke und Isomatten verteilt.

Es kommen immer wieder, was sehr schön ist, Spenden aus Deutschland an, gerade letzte Woche einige Paletten mit Schlafsäcken, Kleidern und Müsliriegeln.

Ich habe von euren Spenden das was an Klamotten gepasst hat hier gelassen, und 500 Euro, die vor allem für medizinische Notfälle und Nahrungsmittel ausgegeben worden sind.

Der Rest geht nun nach Samos, auch der Anhänger ist immer noch recht voll!

Zur politischen und sozialen Frage der Situation der Menschen auf der Flucht hier in Griechenland will ich nicht weiter eingehen. Ich denke alle von euch, die Interesse daran zeigen und gespendet haben, beschäftigen sich damit ohnehin. Aber mich erfüllt es immer wieder aufs Neue mit Trauer, Abscheu, Scham und Unverständnis, wie unsere Europäische Union hier auf Kosten von teils schwer traumatisierten Menschen, die überwiegend einfach nur Sicherheit, Frieden und etwas materiellen Wohlstand suchen “Politik” gemacht wird.

1000 Dank nochmal an alle die dazu beigetragen haben diesen Trip möglich zu machen! Ihr seid großartig!

Ich wünsche euch allen trotz Corona eine ruhige und schöne Adventszeit und Fröhliche Weihnachten.

Und natürlich werden auch weiterhin (vor allem) Geldspenden dringend benötigt, ich weiss noch nicht genau, was mich morgen auf Samos erwartet, aber Patras war sicherlich harmlos im Vergleich dazu…

Sonnige und Solidarische Grüsse aus Griechenland,

Daniel”

Bei uns im Hofladen gibt es ab sofort Papier-Rettungsboote! Diese könnt ihr gegen Spende mit nach Hause nehmen, wir lassen das Geld dann direkt Daniel zukommen.

Unterstützungen finanzieller Art sind also noch möglich. Wer keine Gelegenheit hat vorbei zu kommen, dem teilt Anja auf Nachfrage gerne Daniels Kontoverbindung mit! 

Vielen Dank für die Unterstützung auch von uns!

P.S.: Daniel ist mittlerweile auf Samos angekommen. Der nächste Bericht folgt…

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