Unser Draht ins Flüchtlingslager nach Samos (Teil 2)

von Jan 26, 2021

Daniel Soltek arbeitet als Gemüsegärtner in der Solidarischen Landwirtschaft Vauß-Hof e.G. und hat sich im Oktober mit einem Auto und einem Anhänger voller Kleiderspenden auf den Weg nach Griechenland gemacht. Er wird den Winter auf Samos verbringen, um dort in einem der griechischen Flüchtlingslager zu unterstützen.

Nach einem ersten Zwischenbericht im Dezember schreibt er Anfang Januar aus Samos:

“Am 8. Dezember bin ich also tatsächlich endlich auf Samos angekommen. Nachdem erst alles schwierig war, und es teils fast schon unmöglich schien mit der Fähre hierher zu kommen, ging es dann auf einmal überraschend schnell und problemlos. Ich konnte es selbst fast nicht glauben, als ich nachts um 2 einfach so und ohne jede weitere Kontrolle von der Fähre gefahren bin…und da war!

Es hat sich natürlich alles sehr verändert seit 2016, als ich zum letzten mal hier war.

Die Freiräume, die wir in dem grossen Chaos der sogenannten Flüchtlingswelle damals besetzen und ausnutzen konnten, gibt es nicht mehr. Alles ist kontrollierter, aber auch, zumindest zum Teil, besser organisiert. Das ist jedenfalls mein erster Eindruck.

Und natürlich überschattet auch hier Covid 19 und der griechische Lockdown den Alltag.

Es leben derzeit wohl ca. 3000 Geflüchtete in einem Flüchtlingscamp, das für 650 Menschen ausgelegt ist. Im letzten Winter, bevor die Situation auf den Inseln, vor allem natürlich in Moria, eskaliert ist, waren es wohl zeitweise bis zu 8000! Dabei muss man wissen, das in der Inselhauptstadt Vathi, an dessen Rand sich das Lager befindet, nicht einmal 10 000 Menschen leben.

Unsere Kleiderspenden habe ich der NGO Refugees4Refugees übergeben, die in der Nähe des Camps u.a. einen Freeshop betreibt. In diesem können sich die Geflüchteten beim Stöbern etwas die Zeit vertreiben und sich in Ruhe die Dinge aussuchen, die sie brauchen. Das ist besser und selbstbestimmter als viele der clothes distributions die ich bisher gesehen habe. Während des Lockdowns ist der Freeshop zwar leider auch geschlossen, aber alle hoffen, das im Laufe des Januars wieder geöffnet werden kann.

Der kleinen NGO Just Action konnten wir 2222 € übergeben. Das ist eine richtig tolle Summe die da zusammengekommen ist. Das Geld wird hier vor allem für dringend benötigte Lebensmittelpakete verwendet, die für viele Menschen hier überlebenswichtig sind. Viele im Lager haben zwar Geld und können sich einigermassen ausserhalb des Camps mit Nahrungsmittel und anderen wichtigen Dingen versorgen, viele aber auch nicht, und so werden vor allem unbegleitete Minderjährige und Familien mit Kindern und andere Bedürftige unterstützt.

Das Essen, das im Camp von einer dem griechischem Militär unterstellten Organisation ausgegeben wird, ist übrigens von allen, mit denen ich hier vor Ort gesprochen habe, als absolut minderwertig bis hin zu ungeniessbar beschrieben worden. Oft ist es auch tatsächlich nicht nur schlecht sondern sogar verschimmelt und offensichtlich nicht mehr zum Verzehr geeignet.

Just Action setzt sich darüber hinaus zur Zeit auch für vom Erdbeben im letzten November betroffene Griechen ein, was ich sehr gut finde und was eine wichtige Verbindung zwischen Einheimischen und den Menschen auf der Flucht schafft. Diese hat nämlich in den letzten Jahren durch den Druck der Flüchtlings- und der Finanzkrise, der jetzt schon jahrelang auf der Insel lastet, ganz schön gelitten.

Auch einige der frischen Nahrungsmittel, die verteilt werden, kommen von Bauern aus Samos und werden diesen zu fairen Preisen abgekauft, von Anfang an war es der NGO wichtig, Geflüchteten und Einheimischen zu helfen.

Ausserdem führen sie in Zusammenarbeit mit Freiwilligen aus dem Camp regelmässig Aufräumarbeiten in und um das Camp herum durch, was hoffentlich irgendwann dazu führt, die schreckliche Rattenplage in den Griff zu kriegen. Vor allem in den unbefestigten Zelten im “Dschungel”, wo ein Grossteil der Geflüchteten komplett ohne Infrastruktur irgendwie überleben muss, weil das eigentliche, auch mehr schlecht als recht “organisierte” Camp, nur ca. 650 Menschen beherbergen kann, kommt es immer wieder zu Rattenbissen, vor allem bei Kindern und Babies.

Ein weiteres, für nächstes Jahr geplantes Projekt von Just Action ist es, Land zu kaufen und dort mit Einheimischen und Geflüchteten gemeinsam Gemüse und andere Nahrungsmittel selber zu produzieren. Das finde ich natürlich gerade für uns sehr interessant und toll. Vor allem wenn wir dieses auch irgendwie langfristig weiter unterstützen könnten. Da sind wir gerade am Überlegen wie das aussehen kann und natürlich für Vorschläge eurerseits offen!

Erwähnenswert ist auch, dass wegen des immer noch geltenden Lockdowns zur Zeit alle NGOs, die überhaupt noch vor Ort sind, nur sehr eingeschränkt und unter schwierigen Bedingungen arbeiten können. Darunter leiden natürlich die Menschen im Camp und besonders die Kinder, für die gerade fast keine Förderung stattfinden darf. Das Lager steht wohl unter Quarantäne und es dürfen immer nur einige 100 Menschen gleichzeitig und nur für besondere Erledigungen raus in die Stadt.

Zur Zeit wird mit Hochdruck an einem neuem Lager gebaut, welches sich ziemlich weit weg von der Stadt, irgentwo im Niemandsland zwischen Vathi und dem Dorf Mitilinii, befindet. Es wird vermutet, dass dieses ein geschlossenes Lager sein wird, welches die Geflüchteten, jedenfalls solange ein Asylverfahren nicht abgeschlossen ist, nicht verlassen dürfen. Ein Gefängnis sozusagen. Doch selbst wenn es überraschenderweise doch offen bleiben würde ist es so weit weg von der Stadt, das Krankenhaus, Ärtzte, Supermärkte und Ämter nur nach stundenlangen Fussmärschen zu erreichen sind. Öffentlichen Nahverkehr gibt es so gut wie nicht auf der Insel. Aus den Augen, aus dem Sinn. Es soll noch in diesem Frühjahr fertig werden.

Diese Lager an Europas Aussengrenzen, egal ob in Griechenland oder auf dem Balkan, sind und bleiben eine Schande und gehören aufgelöst!

Gerade sieht man vor allem in Bosnien, in Lipa, wie die Festung Europa den Tod durch Erfrieren von Menschen auf der Flucht in Kauf nimmt und Folter durch die kroatische Grenzpolizei seit Jahren duldet, ohne zu handeln.

Hier auf Samos ist übrigens die deutsche Küstenwache im Auftrag der Grenzschutzagentur Frontex vor Ort und drückt wohl gerne bei all den gutdokumentierten, illegalen “push-backs” der griechischen Küstenwachen beide Augen zu. (Dazu gibt es u.a. zwei/drei gute Artikel aus dem letzten Monat im Spiegel).

Gegen diese unmenschliche Politik der Abschreckung hilft nur unsere Solidarität!

Vielen Dank noch einmal allen die sich an der Spendenaktion beteiligt haben!! – Daniel”

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